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Ein Marktkommentar auf biallo.de

KW 27

Julian Bösch

Biotechnologie beyond mainstream: Investmentopportunität im aktuellen Marktumfeld

von Julian Bösch, Portfoliomanager, und Patrick Kümmel, Leiter des Investment Office der LUNIS Vermögensmanagement AG in Stuttgart

Patrick Kümmel

Liebe Leserinnen und Leser,

Im geopolitisch angespannten Marktumfeld, geprägt von Deglobalisierung, Politikverdrossenheit und Machtkämpfen um die wirtschaftliche Vormachtstellung, suchen Investoren händeringend nach attraktiven Investmentopportunitäten. Insbesondere die sich hinziehenden Handelskonflikte zwischen den USA und anderen Handelspartnern führten zu Verunsicherung in der Wirtschaft und zu einer stark steigenden Rezessionsgefahr speziell in den USA und in Europa. Die Notenbanken signalisierten zuletzt, notfalls geldpolitisch gegenzusteuern. Dies führte zu einer Stabilisierung der Aktienmärkte, aber auch zu neuen Tiefs bei den Anleiherenditen.

In diesem fragilen Wirtschaftsumfeld erscheint es wichtig, den Anlagehorizont langfristig auszurichten und sich auf Megatrends zu fokussieren. Als aussichtsreich gelten Investments im Bereich Biotechnologie. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen liegt es im demographischen Wandel und der steigenden Lebenserwartung begründet. Zusammen mit einem oft ungesunden Lebensstil führen diese dazu, dass die Verbreitung altersbedingter Krankheiten und Zivilisationskrankheiten zunimmt. Zum anderen führt der gestiegene Wohlstand dazu, dass die Weltbevölkerung bereit ist, mehr für die eigene Gesundheit auszugeben. Dies geschieht relativ konjunkturunabhängig, da Einsparungen vornehmlich in anderen Bereichen des Alltagslebens erfolgen. Die Preissensitivität ist somit deutlich geringer.

Quelle: Shutterstock

Davon profitiert die gesamte Pharmabranche. Problematisch erachten wir jedoch bei den klassischen Pharmawerten neben der bereits fairen Bewertung, dass viele Patente in naher Zukunft auslaufen und die Erforschung innovativer Medikamente und Behandlungsmethoden meist in jungen, dynamischen und kleineren Biotechnologieunternehmen erfolgt. Interdisziplinär werden ebenda Erkenntnisse bspw. aus der Bioinformatik, Genetik, Molekularbiologie und den Ingenieurswissenschaften verknüpft.

Während größere Biotechnologieunternehmen meist ein breites Produktspektrum bieten und deren Kursentwicklung stark mit den internationalen Kapitalmarktströmungen korrelieren, erachten wir kleine Biotechnologieunternehmen als attraktiver. Investoren sollten sich dabei auf Unternehmen konzentrieren, die bereits Medikamente in der Spätphase des Entwicklungsprozesses haben, weil diese einen kontinuierlichen Nachrichtenfluss und entsprechende Kurstreiber aufweisen. Deren Kursverlauf erweist sich als relativ marktneutral, da die Kurstreiber aus den klinischen Studien und dem Zulassungsprozess erfolgen.

Quelle: Shutterstock, Konstantin Kolosov

Investments in einzelne kleine Biotechnologiewerte mit kleiner Produktpipeline sind dadurch natürlich mit hoher Volatilität verbunden. Wird das Portfolio indes breit diversifiziert, zeigt es durch die relativ geringe Korrelation der einzelnen Unternehmen zueinander ein attraktives Rendite-Risiko-Profil.

Zwar ist davon auszugehen, dass im US-Wahlkampf die Gesundheitsreform und die Medikamentenpreise wieder eine zentrale Rolle einnehmen und zu Volatilität in der Gesundheitsbrache führen werden. Jedoch dürfte dies Unternehmen, die an Medikamenten mit deutlichen Vorteilen in der Behandlung schwerer Krankheiten forschen, für die es idealerweise noch keine zugelassenen Behandlungsmöglichkeiten gibt, weniger tangieren. Denn der soziale Druck sollte dazu führen, dass weiter Preise erzielt werden können, die innovative Forschung ermöglichen. Zu nennen wären zum Beispiel seltene Krankheiten, welche nur einen kleinen Bevölkerungsanteil betreffen und oft lebensbedrohlich sind.

Quelle: Shutterstock, KANOWA

Die Erfahrung zeigt zudem, dass große Gesundheitsunternehmen das Forschungsrisiko in diesem Bereich aufgrund des relativ kleinen Absatzmarktes geringhalten. Vielmehr beobachten Sie den Markt und vor allem die Zulassungsfortschritte genau und übernehmen aussichtsreiche Unternehmen lieber mit einer entsprechenden Prämie, weshalb auch M&A-Tätigkeiten einen nicht zu vernachlässigender Performancetreiber darstellen.

 

Julian Bösch, Portfoliomanager der LUNIS Vermögensmanagement

Julian Bösch ist als erfahrener Portfoliomanager der LUNIS Vermögensmanagement AG am Standort Stuttgart beschäftigt. In früheren Tätigkeiten begleitete er erfolgreich unter anderem das Portfoliomanagement eines Family Offices und ist seit mehreren Jahren als Kapitalmarkt- und Wertpapierspezialist Mitglied zahlreicher Investmentausschüsse. Als Portfoliomanager hat er sich auf innovative Zukunftsthemen spezialisiert. Im Fokus stehen dabei insbesondere die Themen Biotechnologie und Digitalisierung 4.0. Er besitzt einen Masterabschluss in Wirtschaftswissenschaften der Universität Basel.

Patrick Kümmel, Leiter des Investment Office der LUNIS Vermögensmanagement AG

Nach seinen Studien der Betriebswirtschaftslehre und Biologie an der Universität Bayreuth und einer Weltreise durch unterschiedliche Schwellenländer begann er seine berufliche Laufbahn 2010 als Wertpapierspezialist und in der Vermögensverwaltung der J. Safra Sarasin (Deutschland) AG. Seit 2017 leitet er das Investment Office der LUNIS Vermögensmanagement AG und verantwortet unter anderem die nachhaltigen Vermögensverwaltungs- und Stiftungsmandate. Er ist CEFA, CIIA und EFFAS ESG Analyst.

Disclaimer:
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