Märkte & Chancen

Ein Marktkommentar auf biallo.de

KW 22

Liebe Leserinnen und Leser,

„Sell in May and go away“: Nachdem der Mai den Aktienmärkten ein Minus von vier Prozent beschert hat, hört man diese Börsenweisheit wieder des Öfteren. Doch ein weniger bekannter, aber sehr wirksamer Zyklus spricht für das Gegenteil: Vorwahljahre in den USA, die den Ton für die weltweiten Märkte setzen, sind die stärksten Börsenphasen überhaupt. Sie brachten im Durchschnitt Kursgewinne von gut 20 Prozent.

Die Nachrichtenfront macht derzeit nicht gerade Lust auf Börse. Seit einigen Wochen dominieren Krisenmeldungen, angefacht von US-Präsident Trump. Im Handelsstreit zwischen USA und China geht es erneut hin und her, begleitet von wüsten Drohungen und Verschärfungen. Zusätzlich schießt der Zampano aus Washington mit der Tweet-Kanone auf den Iran, Russland, Europa und andere. Passend dazu gehen die Börsen nach dem fulminanten Lauf von Januar bis April im Mai leicht in die Knie – und schon erklingt der altbekannte Ruf „Sell in May…“

But remember to come back…​

Der Ratschlag, Aktien im Mai zu verkaufen, ist nur der erste Teil der Börsenweisheit. Der zweite Part lautet: „But remember to come back in September“. Die Ergänzung, im frühen Herbst an die Börse zurückzukehren, ist der Vorläufer der Strategie der besten sechs Monate, wie sie in Amerika in den 1980er-Jahren entwickelt wurde. Demnach hat ein Aktieninvestment in der Zeit vom 1. November bis 30. April weit bessere Aussichten auf Kursgewinne als von Anfang Mai bis Ende Oktober. In der Tat verbuchte der Dow Jones von 1949 bis 2012 übers Winterhalbjahr Kursgewinne von durchschnittlich 7,5 Prozent. Die anderen sechs Monate brachten ein jährliches Plus von nur 0,3 Prozent. Ähnliche Relationen herrschen beim S&P 500 und der Tech-Börse Nasdaq.

Wahlzyklus: Das Beste dürfte noch kommen

Wäre es dann nicht sinnvoll, jetzt das Depot zu bereinigen und sich auf einen entspannten Sommer fern von Kursschwankungen zu freuen? Das könnte durchaus sein, doch ein übergreifender Zyklus spricht dafür, investiert zu bleiben: der Präsidentschafts- bzw. Wahlzyklus. Kurz und knapp besagt er: Das dritte und vierte Jahr einer Präsidentschaft sind an der Börse im Mittel das stärkste sowie das zweit- bzw. drittstärkste Jahr im Wahlzyklus (aktuell befinden wir uns im dritten Jahr von Trumps Amtszeit). Die Theorie hinter dem Zyklus: In dieser Phase der Amtszeit arbeiten Präsidenten an ihrer Wiederwahl und unternehmen daher einiges, um die Wirtschaft und die Unternehmensgewinne zu stimulieren – und das rechtfertigt wiederum höhere Aktienkurse.

Vorwahljahre: Mittlere Jahresgewinne von gut 20 Prozent​

Schauen wir auf die blanken Zahlen: Von 1949 bis 2012 hat der breite US-Markt (S&P 500 ohne Dividenden) in Vorwahljahren im Mittel beachtliche 17,1 Prozent zugelegt. Die Nasdaq brachte es seit ihrer Gründung 1971 in diesen Jahren sogar auf ein durchschnittliches Plus von 30,9 Prozent. Die Folgejahre, die Wahljahre also, sahen im Schnitt bescheidenere Gewinne von 6,1 und 4,8 Prozent. Unterm Strich bedeutet das im Blick auf Dezember 2020: Aus dieser zyklischen Perspektive sollte der S&P 500 dann bei gut 3.100 Zählern notieren, die Nasdaq 100 bei 8.700 Punkten. Das entspräche einem Plus von 10 Prozent (S&P 500) und 20 Prozent für die Nasdaq – nicht gerade zu verachten…

In Vorwahljahren zeigen sich die US-Indizes sehr stark. 2019 laufen sie bisher sogar noch besser als im Durchschnitt der vergangenen 70 bzw. 48 Jahre. Foto: stocktradersalmanac.com

Ähnliche Rallye wie 1998 bis 2000?​

Dass dies aktuell keine unrealistischen Erwartungen sind, zeigt der Blick auf die technische Lage: Die Aktienmärkte waren an Weihnachten 2018 so ausgebombt („überverkauft“) wie zuletzt im Jahr 2011. Eine Erholung in einem intakten Aufwärtstrend von einem solchen Tief aus erstreckt sich gewöhnlich nicht nur über vier bis fünf Monate, sondern über ein bis eher zwei Jahre. Die gegenwärtige Situation erinnert insofern an 1998, ein Kongress-Wahljahr wie 2018. Damals kam es unter Präsident Clinton erst zu einem deutlichen Einbruch von 25 Prozent und danach zu einem deutlichen Anstieg von 50 (!) Prozent im S&P 500 bis März 2000. Ob wir so etwas wieder sehen, ist fraglich, doch der Markt war im Oktober 1998 ebenso überverkauft wie an Weihnachten 2018.

Widersprüchliche Signale​

Mut macht auch die psychologische Seite, denn die meisten Anleger und Börsenbriefe sind nach dem 2018er-Rutsch eher skeptisch. Wir erwarten, dass ihre Zurückhaltung angesichts steigender Kurse aufweicht und sie dann an die Börse zurückkehren. Zudem ist der wirtschaftliche Ausblick für die tonangebenden USA dank moderatem Wachstum, geringer Inflation und niedrigen Zinsen immer noch positiv.

Doch das heißt nicht, dass überall eitel Sonnenschein herrscht. Für den Wermutstropfen sorgt die Zinskurve, die inzwischen negatives Terrain erreicht hat (s. unsere letzte Kolumne). Bei dieser Vorgabe kam es in den vergangenen Jahrzehnten nach 6 bis 18 Monaten zu einem Einbruch am Aktienmarkt. Legt man dieses Muster auf die Schablone des Wahlzyklus, könnte uns spätestens zur nächsten Präsidentschaftswahl (November 2020) richtiges Ungemach ins Haus stehen.

Stephan Albrech, Vorstand der Albrech & Cie. Vermögensverwaltung AG, Köln

Stephan Albrech ist Gründer und Vorstand der Albrech & Cie Vermögensverwaltung AG in Köln. Der gelernte Bankfachwirt ist seit 1978 in der Finanzbranche tätig. Vor der Gründung seines Unternehmens 1996, war er bei der Kölner Bank eG in verschiedenen Bereichen, zuletzt als Vermögensverwalter tätig sowie als Privatkundenberater bei Marcard, Stein & Co. Neben der individuellen Vermögensverwaltung und der Fondsvermögensverwaltung hat Albrech vor allem die ganzheitliche Finanz- und Nachfolgeplanung im Blick.